Kein Abschiedsbrief

Liebe Nachbarn, liebe Kaulsdorferinnen und Kaulsdorfer,

hier im Bezirk aufgewachsen und groß geworden habe ich auch meine politische Aktivität im Jugendparlament Hellersdorf begonnen. 1999 wurde ich zum Mitglied der BVV Hellersdorf gewählt. Damals noch mit roten Haaren, im Nebenjob bei H&M und Jura-Student an der HU. Irgendwie fand die SPD Marzahn-Hellersdorf Gefallen an dem schlaksigen Besserwisser mit der Harry-Potter-Brille.

Nach sieben Jahren im Bezirksparlament wurde ich in das Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt. 2011 haben Sie mir dann das größte Vertrauen geschenkt, was ein Politiker erreichen kann: Sie haben mich als Direktkandidat für Kaulsdorf, Kaulsdorf-Nord und Hellersdorf in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt. Ein einmaliger Moment meines politischen Lebens. Mit einem Vorsprung von 26 Stimmen war ich ihr „Liebling Kaulsdorf“ und habe mich für Sie und den Wahlkreis eingesetzt.

Ich bin gerne Kiezpolitiker, setze mich mit „Es werde Licht“ für funktionierende Beleuchtung ein, kümmere mich um Verbesserungen am S-Bahnhof Kaulsdorf und pflege mein Projekt „Biene sucht Wohnung“ auf der Kita Wunderwelt.
Auf Landesebene habe ich in den letzten Jahren fast jedes Gesetz mit beraten – von Justizgesetzen, über den Mietendeckel und das eGovernment-Gesetz. Ich war einer der ersten, die den Fokus der Politik darauf lenkten, dass dass die Außenbezirke nicht vergessen werden. Es war ein gutes Zeichen, dass wir die IGA nach Marzahn-Hellersdorf geholt haben, mit der Seilbahn über den Kienberg schwebten und der Welt zeigten, dass Berlin mehr ist als Mitte oder Prenzlauer Berg.

Parallel zum politischen Leben habe ich mir ein Leben als Rechtsanwalt aufgebaut.
und meine Berufung gefunden. Ein Standbein außerhalb der Politik war mir wichtig, denn aktive Politik ist in einer Demokratie immer nur auf Zeit gegeben, nicht lebenslänglich.

Aber ich werde 2021 nicht mehr für das Abgeordnetenhaus kandidieren. Auch verzichte ich auf eine erneute Kandidatur als Stellvertretender Kreisvorsitzender in Marzahn-Hellersdorf. Trotzdem ist dieser Brief kein Abschiedsbrief. Ich bleibe aktiver Sozialdemokrat in meiner SPD und bin dankbar für über zwei Jahrzehnte aktiver Politik als Abgeordneter und Bezirksverordneter. Ich bin nicht verbittert, nicht erschöpft, mir ist nichts langweilig geworden und ich habe auch kein bißchen Leidenschaft verloren.

Warum kandidiere ich trotz Nominierungen meiner Partei nicht erneut? Der Grund dafür ist einfach: Als ich jung war und mit Politik angefangen habe, da wollte ich nie so sein wie das Establishment. Ich wollte nicht an Posten kleben. Ich war immer für Bewegung, Veränderung, Erneuerung – und nun soll ich wieder für dieselbe Funktion kandidieren? 2026 wäre ich dann 20 Jahre lang im Parlament gewesen. Ich wollte nie Dauer-Abgeordneter sein und ich habe immer gesagt „Jeder ist ersetzbar“.

Und es gibt beruflich bei mir noch viele Ideen, Angebote und neue Wege. Ich werde weiterhin als spezialisierter Rechtsanwalt arbeiten. Und ich werde mich im Bereich Digitalisierung, eGovernment und Datenschutz engagieren. Auf dieses Abenteuer will ich mich einlassen und außerhalb des Parlaments Veränderungen anstoßen und umsetzen.

Bis zum Ende der Wahlperiode 2021 werd ich mein Mandat als Abgeordneter und als Anwalt für die Außenbezirke und „Liebling Kaulsdorf“ wahrnehmen und bin auch danach weiter aktives SPD-Mitglied. Ich bleibe ein politischer Mensch. Berlin und Kaulsdorf waren und sind immer meine Heimatliebe.

Ich danke Ihnen für die Unterstützung, Ihre Anregungen, Beschwerden. Ich
bin dankbar für die tolle, spannende und manchmal auch krasse Zeit, die ich im Berliner Abgeordnetenhaus für meinen Kiez und für Sie verbringen dürfte. Und das alles schließt nicht aus, dass ich irgendwie, irgendwo, irgendwann wieder politisch tätig bin.

Alles Gute für Sie

Ihr Sven Kohlmeier