Geschlechterbonus oder Geschlechtermalus bei der Juristischen Staatsprüfung?

Mitte Juni dieses Jahres hat der Justizsenator Dirk Behrendt ein Schreiben an Richterinnen und Staatsanwältinnen geschickt, um diese als Prüferin beim Gemeinsamen Juristischen Prüfungsamt (GJPA) zu gewinnen. Der Senator argumentiert, dass Frauen in den juristischen Staatsprüfungen schlechtere Ergebnisse als Männer erzielen. Hierauf habe, so Behrendt, die Zusammensetzung der Prüfungskommission einen Einfluss – bei rein männlichen Kommissionen hätten Frauen bei gleichen schriftlichen Leistungen eine um 2,3 Prozentpunkte niedrigere Wahrscheinlichkeit, die nächste Notenschwelle zu erreichen. Um hierzu weitere Informationen zu erhalten, habe ich eine schriftliche Anfrage zum Einfluss der Geschlechter auf die Prüfungsergebnisse des GJPA an den Senat gestellt (PDF-Datei).

Der Hintergrund des Schreibens ist laut Antwort des Senats eine Studie aus NRW, derzufolge Frauen dort in den mündlichen Examensprüfungen bei gleichen Vornoten im schriftlichen Teil eine geringere Wahrscheinlichkeit haben, die nächste Notenschwelle zu erreichen, als Männer, wenn die Kommission nur mit männlichen Prüfern besetzt ist.

Seit 2010 ist der Anteil der Prüferinnen in den Kommissionen des GJPA von 23,9% um etwa einen Prozentpunkt pro Jahr auf 33,2% in diesem Jahr angestiegen. Tatsächlich ist es so, dass mehr Frauen als Männer die Prüfungen nicht bestehen – jedoch gibt es auch einen höheren Frauenanteil bei den Prüfungen. Tatsache ist, dass die Prüfungsergebnisse von Männern und Frauen in Berlin in der Regel um weniger als 0,5 Punkte abweichen. Konkrete Hinweise auf eine Geschlechterbenachteiligung bei mündlichen Prüfung gibt es nicht. Eine Studie, die untersuchen soll, ob die Examensergebnisse der Kandidatinnen in mündlichen Prüfungen mit einer teilweise weiblichen Prüfungskommission besser ausgefallen, sei dem Senat zufolge  „verzichtbar“.

Natürlich würde auch ich mir mehr Frauen in den Prüfungskommissionen wünschen. Doch den männlichen Prüfern der Kommissionen implizit Diskriminierung vorzuwerfen, ohne eine empirische Grundlage hierfür zu haben oder eine Analyse der Prüfungsergebnisse hinsichtlich eines Geschlechterbons/ -malus beim GJPA durchführen zu lassen, ist gewagt. Ein solches undifferenziertes Urteil kann dazu führen, dass männliche Richter und Staatsanwälte aus Angst vor Vorwürfen, geschlechtsspezifisch zu diskriminieren, nicht mehr als Prüfer fungieren werden. Bei einer sowieso ständig sinkenden Anzahl an Menschen, die bereit sind, diese Prüfung abzunehmen, wäre das fatal.