Autofreie Friedrichstraße: Wahlkampfaktionismus ohne Plan oder kann das weg?

Kürzlich verkündete Berlins grüne Verkehrssenatorin, dass das Pilotprojekt der autofreien Friedrichstraße bis 31. Oktober 2021 verlängert wird. In der offiziellen Mitteilung der Verkehrsverwaltung heißt es: „Diese Entscheidung fiel nach Gesprächen mit Anrainern und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft sowie Beratungen auf Grundlage einer Auswertung der bisher vorliegenden Daten.“ und weiter: „Die Evaluation wird fortgesetzt, um die Datenbasis zu validieren.“ Von Mitte‘s Bürgermeister ist immerhin zu vernehmen, dass die Friedrichstraße wieder „Modestraße Nr. 1“ werden soll (www.berlin.de).

Wie kann man ein so spannendes Projekt nur dermaßen lieblos angehen? Schon der Start war holperig: Ursprünglich bereits im letzten Jahr geplant, musste der Start wegen „Corona“ in den August verschoben werden, nicht alle Anrainer waren glücklich darüber (Tagesspiegel). Der ursprünglich vorgesehene autofreie Bereich am „Checkpoint Charly“ fehlt ebenso, wie ein Weihnachtsmarkt (letzteres Corona bedingt). Statt dessen wird die Friedrichstraße nun durch einen „Radschnellweg“ durchschnitten, auf dem es sogar eine Tempobeschränkung für Radfahrer gibt. Kritik gab es dafür nicht nur von mir (Twitter). Schon fast vernichtend hatte sich der Ost-Berliner Architekt Wolf R. Eisentraut kürzlich geäußert.

Eine Idee, eine Vision, was die Friedrichstraße mal werden soll, fehlt in der offiziellen Verlautbarung der Verkehrsverwaltung gänzlich: Für wen oder was ist es ein Versuchsprojekt – für die Senatorin oder die Berliner:innen? Ist das schon Wahlkampf, um die sonst mangelnde Umsetzung von Radwegen zu kaschieren? Ist es, kurzfristiger Aktionismus, um die überschaubare Bilanz zu verschönern? Und unklar ist auch, warum die Auswertung erst nach der Berlin-Wahl erfolgen soll und die derzeit zuständige Senatorin dann damit wohl nichts mehr zu tun hat.

Es ärgert mich, wie planlos eine zentrale und historische Gegend in eine ungewisse Zukunft geschickt wird. Benannt nach dem Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg, kann die Friedrichstraße auf eine lange Geschichte zurückblicken,  die letztlich auch für die Entwicklung Groß-Berlins steht. Die Friedrichstraße ist für mich die Einkaufsstraße des Ostens, neben dem Kudamm im Westen. Die Friedrichstaße ist für mich die Erinnerung an Grenzübergang und Tränenpalast, denn hier endete die S-Bahn aus Ost-Berlin. Die Friedrichstraße ist für mich historische Bilder vom „Checkpoint Charly“, an dem sich russische und amerikanische Panzer 1961 gegenüberstanden.

Dabei scheint mir, einiges möglich zu sein, wenn man denn nur eine Vision hat:

  1. Zunächst wäre eine Vorfrage zu entscheiden: Soll die Friedrichstraße „Flaniermeile“ oder „Radschnellweg“ werden? Ich halte beides gleichzeitig nicht für umsetzbar. Die Flächenkonflikte sind ungelöst, ein Flanieren ist derzeit kaum möglich. Und auch die durchreisenden Radfahrer:innen flanieren kaum, sondern nutzen die Friedrichstraße als bequeme und autofreie City-Querung. Dabei ist beides möglich: Eine autofreie „Flaniermeile“ Friedrichstraße und ein Radschnellweg in einer der Nebenstraßen.
  2. Als nächstes müsste die Friedrichstraße ein Anziehungspunkt werden. Eilig herangeschaffte Tische und Stühle für einige Cafés mit Blick auf einen „Radschnellweg“ genügen nach meiner Auffassung keinesfalls. In New York wird am sommerlichen Wochenende der Broadway zwischen Central Park und Time Square gesperrt und zieht Tourist:innen und Anwohner:innen mit Food-Ständen, Einkaufsständen und einem bunten New-York-Mix an. Wenn der Markenkern der Friedrichstraße als „Modestraße Nr. 1“ (Mittes Bürgermeister) geschärft werden soll, dann macht es wenig Sinn, Gewächshäuser mit Keramik auszustellen (so schön die auch ist). Und auch in der kalten Jahreszeit soll der Kaffee nicht sofort einfrieren. Paris im Winter ist auch deshalb draußen belebt, weil Café und Croque Monsieur unter einem Heizstrahler (gerne auch mit ökologisch produziertem Strom) einfach Lebensfreude sind. Aber Lebensfreude in Berlin wollen einige offenbar nicht … dass sieht man auch daran, dass es zwar einige junge Bäumchen gibt, aber weder grüne Oasen noch Pflanzen.
  3. Die historische Achse der Friedrichstraße zwischen Tränenpalast und Checkpoint Charly bildet sich in der Friedrichstraße leider überhaupt nicht ab. Die Gegend um den „Checkpoint Charly“ ist Rummelplatz für Tourist:innen. Dabei muss Rummelplatz gar nichts schlechtes sein. Der Time Square in New York dürfte einer der bekanntesten Anziehungspunkte der Welt sein. Aber wenn, dann macht es doch konsequent und autofrei – ohne den historischen Hintergrund zu vergessen. Auf einer Treppe sitzen und Freiluftkino an einer Wand mit historischen Aufnahmen  schauen …
  4. Politik ist gewählt um zu entscheiden und ein Berliner Phänomen ist, dass Ideen gerne von vielen „Expert:innen“ zerredet werden. Und trotzdem sollten solch schwergewichtigen Ideen nicht ohne die Anwohner:innen, Anrainer:innen und Unternehmen entschieden werden. Wie man hört, ist nur eine kleine Gruppe von Anrainer:innen tatsächlich eingebunden. Wie man hört, sind einige Einzelhändler nicht in der Lage, ihren Laden zur Nachmittagszeit zu schließen, um an einer Sitzung teilzunehmen. Ob gewollt oder nicht: Nach meiner Auffassung müssen die Anreiner:innen eingebunden werden. Es hilft keinem Händlern oder Gastronomen in der Friedrichstraße, wenn die kaufwillige und kaufkraftstarke Kundschaft wegbleibt, weil eine Verwaltung von oben unbedingt eine Entscheidung durchsetzen will.

Ich wünsche mir, dass die Friedrichstraße ein Aushängeschild für ein modernes Berlin wird. Kein Aktionismus bis zum Ende einer Wahlperiode, sondern eine langfristige Strategie. Zugegeben, in der Pandemie-Situation kann man derzeit nicht flanieren. Es könnte aber die Zeit genutzt werden, um Konzepte zu entwickeln, Umbauten vorzunehmen, grüne Oasen zu schaffen und vielleicht doch den ein oder anderen Heizstrahler aufzubauen, denn Berliner Frühlinge können kühl sein.

Stellt Euch mal vor, man fährt wieder in die autofreie Friedrichstraße zum flanieren, shoppen, genießen und Berliner Geschichte einatmen … ich würde es wunderbar finden.

Sven Kohlmeier

Ich habe mich in der Vergangenheit mehrfach zum Pilotprojekt Friedrichstraße öffentlich geäußert. Mit meinem Wahlkreis in Kaulsdorf/Hellersdorf und meiner Kanzlei in der Friedrichstraße habe ich sowohl einen Blick auf die Außenbezirke, wie auch Entwicklungen in der City. Und es ist meine Stadt und mir ist nicht egal, was in Berlin passiert, weshalb ich mich heute ausführlicher zu dem Projekt äußerte.

(Foto: Sven Kohlmeier, 01/2021)